Für Veranstaltungen beachtet auch: ‚TERMINE‘ bzw. ‚SEMINARE‘

Arabischer Frühling

Vortrag zu den Revolutionen in der arabischen Welt
mit Thomas von der Osten-Sacken

16. Mai 2011, 19.30 Uhr im Schloss der Uni (Neuer Graben 29), Raum 212 (11/212)

Fast 20 Jahre nach dem ausgerufenen ‚Ende der Geschichte‘ (Francis Fukuyama) scheinen die Revolutionen als ‚Lokomotiven der Weltgeschichte‘ (Karl Marx) wieder Fahrt aufzunehmen. Mit dem Schlagwort der ‚Arabischen Revolutionen‘ werden heuzutage unterschiedliche Prozesse in sehr verschiedenen Ländern unter einem Begriff zusammengefasst, dessen Trennschäfe fraglich bleibt. Typisch ist die sich anschließende Frage um was für Revolutionen oder Revolten es sich in Ägypten, Tunesien, Libyen und andernorts überhaupt handelt. Die Erklärung des neuen Jetzt von 2010/2011 wird oftmals in Analogien der Vergangenheit gesucht.
Erleben wir in der arabischen Welt ein neues 1776 oder 1789? Wiederholt sich hier die Gründung von politischen Institutionen der Freiheit, wie in der amerikanischen Revolution, oder die französische bürgerliche Revolution für individuelle Menschenrechte? Entledigen sich die Menschen endgültig verhasster Diktatoren oder stehen schon die Nächsten in den Startlöchern? Droht gar ein Umschlag in Schlimmeres, ein Ausgang ähnlich der Iranischen Revolution von 1979? Die antiimperialistische Linke scheint sich zumindest sicher zu sein, dass es sich nicht um die Wiederkunft der russischen Revolution von 1917 handelt. Ihre Vorbilder, z.B. Hugo Chávez, stellen sich sogar in antisemitisch-antiamerikanischer Solidarität auf die Seite von Diktatoren wie Gaddafi. Welchen Sinn kann solcherlei Revolutions-Memory überhaupt haben? So sehr die begriffliche Auseinandersetzung auch auf Vergleiche angewiesen ist, so sehr kommt es darauf an sich das Geschehen in den verschiedenen Regionen konkret anzuschauen.
Geht es um individuelle Freiheiten oder Verteilungskämpfe? Welche Rolle spielt der politische Islam und der ihm immanente Antisemitismus? Wie steht es um die nahöstlichen Machtverhältnisse, um den Einfluss Irans, die Zukunft und Sicherheit Israels? Was will der Westen und welche Rolle spielen Europa und Deutschland? Welche Zielsetzungen artikulieren die revolutionären Bewegungen, die oftmals als demokratieunfähig verunglimpften Menschen, selbst und wie realistisch ist deren Verwirklichung?

Eine Veranstaltung des Referats für Internationales des AStAs der Uni Osnabrück
und der Initiative zur Förderung gesellschaftskritischer Inhalte

Kritik der unvernünftigen Vernunft

Vortrag und Diskussion mit Dr. Alfred Flacke

Mittwoch, 7.7.2010, 18 Uhr, im Café Mano Negra (Alte Münze 12)

Horkheimer hat die Fetischisierung der Technik, die Erstarrung der Bürokratie, den Positivismus in den Sozialwissenschaften und den Pragmatismus in der Philosophie mit der Verkrüppelung der Ratio zur „instrumentellen Vernunft“ begründet. Freiheit und Vernunft sind Kernbegriffe des in Katastrophen kulminierenden bürgerlichen Zeitalters. Selbsterhaltung ist das entscheidende Instrument zur Aufrechterhaltung seiner Funktionen. Alle drei Begriffe lassen seit langem Zweifel an ihrer Bedeutung aufkommen. Ist die Freiheit in der bürgerlichen Apologetik im Grunde nur noch als Wahlfreiheit, genauer als einzig noch verständliche Konsumfreiheit zu erkennen, so erscheint Vernunft nur noch als ein Instrument im rationalen System vernünftig erdachter unvernünftiger Selbsterhaltung.
Wenn Vernunft selber unvernünftig wird, lässt sich vermuten, dass die Korruption der Begriffe auf eine umfassendere Ursache hinweist. Diese wird sichtbar, wenn die unvernünftige Entwicklung der durch Vernunft bestimmten Zivilisation mit Adorno als Geschichte der Herrschaft gedeutet wird. Dann wird rational erscheinende Selbsterhaltung als ideologisch verfremdetes Instrument eben jener Herrschaft erkennbar, die mit ihrer Hilfe einen tadellosen Eigentumsbegriff zur Legitimation individueller Aneignung institutionalisieren kann, die ihrerseits die Individualisierung der Menschen für die irrationale herrschaftliche Pervertierung rationaler Kooperation instrumentalisiert. In solchem Prozess der Selbsterfindung und „Selbsterhaltung“ der bürgerlichen Gesellschaft selbst gelingt die notwendige Befriedung der mit ihrer Einwilligung frei Unterworfenen durch eingeschränkten Konsum und schwindender Teilnahme am demokratischen Herrschaftsritual. Die daran beteiligten Menschen werden unbemerkt und unvernünftig, aber erfolgreich, doppelt und mit rationalem Kalkül ausgebeutet.
„Wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist“, wie Adorno sagt, dann hilft nach seiner Ansicht nur noch „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“ Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass dazu der Appell an die bloße Einsicht in die Notwendigkeit unbeirrbarer Reflexion nicht ausreicht, sondern es zur Erlangung dieser Entschlossenheit einer Kraft diesseits jener Vernunft bedarf. Erst diese kann Menschen in den Stand setzen, von dem eigenen Willen zur Macht abzulassen. Es ist Solidarität, solidarische Liebe, die allein jene herrschaftliche Perversion der Vernunft aufheben kann. Erst ursprüngliche, sich auf Welt und Menschen einlassende, solidarische Vernunft kann die herrschaftliche Verblendung aufheben, die Barbarei überwinden und die Welt wieder zu einer Welt wirklich freier Menschen werden.


„Das Ganze ist das Unwahre.“

Was ist Wahrheit?

Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann

Freitag, 9. Juli, 19 Uhr

Ort: Kreishaus, Neuer Graben 40; 41/111, Raum 111

Um die Frage, »Was ist Wahrheit?«, zu beantworten, ist es hilfreich, sich zunächst eine andere Frage zu stellen. Denn die Frage, »Was ist Philosophie?«, gibt dem Problem der Wahrheit erst die Grundlage zu deren Antwort. Mit dieser Umformulierung wird eine zentrale Differenz zu gängigen Vorstellungen von Wahrheit benannt: Nicht die Wissenschaft, nicht der Wissenschaftler fragen nach Wahrheit: sie interessieren sich allein für die Bedingungen, die das Funktionieren eines gegebenen Zusammenhangs sicherstellen; für sie ist die praktische Verwertbarkeit entscheidend. Dahingegen sind die, die den gegebenen Funktionszusammenhang selbst thematisieren, die also nach einer Wahrheit fragen, die nicht empirisch zutage tritt, sondern die empirischen Tatsachen ihrer Möglichkeit nach erst bedingt, von vornherein als Philosophen definiert.

„Wahrheit ist objektiv und nicht plausibel.“ (Adorno, Negative Dialektik)

Ideologiekritik weist hingegen nach, dass die kapitalistische Gesellschaft so verfasst ist, dass das Erscheinende, dasjenige also, was von den Wissenschaften als Problem erfasst wird, das Resultat einer notwendigen Verkehrung der Wirklichkeit im allgemeinen Bewusstsein darstellt. Die materialistisch gestellte Frage nach der Wahrheit ist somit zu allererst die Frage nach der historischen Grundlage, aufgrund der diese Verkehrung möglich geworden ist.
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Manfred Dahlmann ist Mitarbeiter des ça ira Verlages und in der Initiative Sozialistisches Forum in Freiburg assoziiert. Er ist Mitherausgeber der Bücher »Geduld und Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag« (Freiburg 1995) und »Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag« (Freiburg 2000).

Antisemitismus. Die negative Aufhebung der Dialektik der Aufklärung


Ein Seminar zu Horkheimers und Adornos Beantwortung der Frage:
„warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“ (DdA, Vorrede, S.1)

Seminar mit Micha Böhme und Martin Dornis

Zeit: 19. und 20. Juni 2010, jeweils 12-18 Uhr
Ort: Alte Münze 12, Osnabrück

Im Seminar wird das letzte zusammenhängende Kapitel der Dialektik der Aufklärung im Argumentationszusammenhang des Buches besprochen, dabei wird besonders auf das V. und VI. Element des Antisemitismus eingegangen. Die beiden aufeinanderaufbauenden Texte behandeln psycho-soziale Ursachen des Antisemitismus. Wer sich der Frage „Was ist Antisemitismus?“ stellt, stößt unweigerlich auf die Bestimmung des Antisemitismus als ideologische und reaktionäre Welterklärung einer undurchsichtigen Gesellschaft. Der Antisemitismus nimmt die Welt als von fremden und bösen Mächten gelenkt war. Wie kommen Menschen darauf sich die Welt antisemitisch zu erkären? Wie kommt diese Ideologie in die Köpfe der Menschen? Per Manipulation? Eine Psychoanalyse des Antisemitismus begreift diesen als eine Folge der undurchschauten Psyche. Nicht nur der Weltenlauf, auch die eigene Seele bleibt unverstanden. Sigmund Freuds Bestimmung des bürgerlichen Individuums als Unterworfenes des eigenen Unbewussten wird zum Schlüssel des Verständnisses und der Kritik des Antisemitismus.

    Seminarinhalte

1. Antisemitische Stereotype
2. Aufklärung, Selbstzerstörungstendenz, Umschlag in Barbarei
(Vorrede, Der Begriff der Aufklärung)
3. Antisemitismus – Konkretion der Selbstzerstörungstendenz
(Vorrede, V. Element des Antisemitismus)
4. Naturbeherrschung, Herrschaft von Menschen über Menschen, Naturverfallenheit
(Arbeitstag, Kapitel 8, Kapital 1, Interesse am Körper)
5. Exkurs: Urgeschichte
(Bejanmin, Passagenwerk, über den Begriff der Geschichte)
6. Grundbegriffe der Psychoanalyse
(Anna Freud, Sigmund Freud)
7. Projektion, pathische Projektion
(Exkurs II, Element VI)
8. Inhalte der pathischen Projektion – Was ist Antisemitismus?
(Elemente I bis V)

Achtung: Die Kenntnis der Elemente des Antisemitismus aus Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung wird empfohlen! Der Text ist auch online unter http://www.antisemitismus.net/theorie/adorno.htm erhältlich.

8. Mai – Tag der Befreiung: CПACИБO, THANK YOU, MERCI! – Feier zum 65. Jahrestag der Niederlage Deutschland

veranstaltet vom Bündnis 8. Mai in Kooperation mit: Antifaschistische Videofilmreihe, Café Mano Negra, Infoladen Osnabrück, SubstAnZ, Ventôse & VNB

Im Programm:
- szenische Lesungen
- antifaschistische Lieder live
- Osnabrück in der Nazi-Zeit
- kommentierte Textkollagen
- Agitation gegen Nazi-
Deutschland
- Filmszenen
- Plakate der Alliierten
- Partisan_innenportraits
- Befreiung und Nazi-
Kontinuität
- Erinnerung(en)
- Diskussion

Sa., 8. Mai 2010, Beginn: 17 Uhr, im SubstAnZ, Frankenstraße 25a, Osnabrück – Eintritt frei

ganzer Aufruf als .pdf-Download: Aufruf 8. Mai 2010

Die Rolle der Herrschaft in der Bürgerlichen Gesellschaft – Beitrag zum Seminar 2009/2010

Vortrag und Diskussion mit Dr. Alfred Flacke, am 10.2.2010 ab 20 Uhr im cafe mano negra (Alte Münze 12)

Die kritische Untersuchung traditioneller Gesellschafts-Modelle – Hobbes (Selbsterhaltung) und Hegel (Anerkennung) – ermöglicht einen erneuerten Herrschaftsbegriff und dieser ermöglicht einen neuen Blick auf die Mechanismen einer durch Herrschaft bestimmten
Gesellschaft. Neuere Ergebnisse der Evolutions- und Neurobiologie bestätigen freie, solidarische Kooperation als Gattungsmerkmal der Menschen. In zivilisierten Gesellschaften wird die Gemeinschaft durch herrschaftliche Individuation zerstört, die lebensnotwendige Kooperation also gefährdet. Paradoxerweise muss Herrschaft sie deshalb zugleich sichern. Die Bürgerliche Gesellschaft der Neuzeit ist charakterisiert durch eine universale Ausdehnung von Herrschaft auf alle Lebensbereiche, die einhergeht mit einer wachsenden Tendenz zur Teilnahme des Individuums an ihr. Die zunehmende Dominanz des Individuums wird sichtbar in neuen Formen der Herrschaft, vor allem in kapitalistischer Lohnarbeit und (Natur)Wissenschaft. Bürgerliche Individuierung geschieht mittels inszenierter, Konkurrenzkampf produzierender Selbsterhaltung und in pseudoindividualisierender Ich-Inszenierung in der Produktion/Reproduktion der Gesellschaft.
Herrschaft wirkt in der Struktur der Gesellschaft und im Wahrnehmen, Denken und Handeln der durch sie strukturierten Individuen. Sie ist das zentrale Movens des bürgerlichen Sozialisierungs- und Individuierungsprozesses. Hegel beschreibt diesen als intersubjektive Anerkennung mit Kampf und Liebe, als Selbstbehauptung und Selbsthingabe, als zugleich wirkenden Komponenten. Erkenntnisse der psychoanalytischen Theorie frühkindlicher Erziehung veranschaulichen die Hegelsche Anerkennung als herrschaftsbestimmt; sie wird von Herrschaft gesteuert, in welcher der Wille zur Macht auf einen Willen zur Ohnmacht trifft. Sie legen auch nahe, Herrschaft als Perversion eines ursprünglich solidarischen Verhaltens zu verstehen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine solidarische, herrschaftslose, Gesellschaft als denkbare Alternative, welche individuelle Freiheit mit freier Kooperation verbindet und sozialen Frieden endlich demokratisch begründen kann.

Der Wahn vom Weltsouverän
Zur Kritik des Völkerrechts

Vortrag und Diskussion mit Gerhard Scheit, Donnerstag, 2.7.2009, 19Uhr im Schloss, Raum 11/216

Der Weltsouverän ist „das Gegenteil jener versöhnten Vielfalt, die allein ein menschenwürdiger Zustand wäre“ (Adorno), der „freien Assoziation der Individuen“ (Marx) zur staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft. Er ist die Symbiose von Internationalem Strafgerichtshof und sharia, UNO und Theokratie. Seine Intention ist es, den westlichen Begriff der Souveränität ebenso zu unterminieren wie die Kritik der politischen Ökonomie zu ersetzen, also Hobbes Leviathan und Marx’ Kapital mit kommunikativer Vernunft und Koran zu widerlegen.
Die Gesellschaft, die auseinander bricht in diffuse barbarische Vielheit, kann sich aber Weltinnenpolitik, global governance oder umma nur dann als politische Lösung vormachen, wenn sie einen gemeinsamen Feind halluziniert, der bereits heimlich die Welt beherrsche. Der Weltsouverän entpuppt sich zuletzt als der „positive“ Ausdruck des schlimmsten antikapitalistischen Wahns: der Weltverschwörung des Judentums.
Und Israel ist auserkoren, sie zu verkörpern. Deshalb gezwungen, seine Souveränität ständig unter Beweis zu stellen, legt die Politik dieses Staats in Wahrheit stets aufs Neue dar, daß es keinen Weltsouverän gibt, aber jeder Versuch, ihn doch zu realisieren, gegen die Juden gerichtet ist: er nimmt ihrem Staat die Souveränität, die sie im Ernstfall allein schützt.


Gerhard Scheit
, Dr. phil., geb. 1959; freier Autor und Publizist; Arbeiten zur Kritischen Theorie; über den Souverän und die Ästhetik in der Moderne; Bücher u. a.: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus (1999); Die Meister der Krise (2001); Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt (2004); Jargon der Demokratie (2006); Mitherausgeber der neuen Jean Améry Werkausgabe (2002-2007). Im Herbst 2009 erscheint bei ca ira (Freiburg) das neue Buch von Gerhard Scheit: Der Wahn vom Weltsouverän.

Der Staat des Grundgesetzes – Über das Verhältnis von Kapital und Souveränität in Deutschland

Vortrag von Joachim Bruhn in Osnabrück, Dienstag, 21. 4.2009 – 19 Uhr, Schloss, Raum 211

Artikel 20 des Grundgesetzes bestimmt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“. Diese Festlegung, auf die sich Sozial- und andere Demokraten gerne zur Förderung direkter und unmittelbarer Herrschaft berufen, drückt aus, wie sehr der Staat des Grundgesetzes nicht allein als legitimer Rechtsnachfolger, sondern überdies legaler Gesellschaftserbe des Dritten Deutschen Reiches aufzutreten befugt ist. Die ‚wehrhafte Demokratie’ der FdGO zieht die konstitutionelle Bilanz der Krise bürgerlicher Herrschaft; der sie konstituierende Staat vermag, als politischer Treuhänder der gewaltsam demokratisierten Volksgemeinschaft, die Stabilität kapitalistischer Vergesellschaftung zu organisieren. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“: Die Frage, wo sie denn aber hingehe, ist genau so deutsch wie das Grundgesetz selber. Wenn das, was in Deutschland als links auftrumpft, die Auffassung vertritt, es gelte, so Oskar Lafontaine, eine „Politik für alle“ zu erkämpfen, d.h. das, was seit den Tagen der Agitation Ferdinand Lassalles für den „Volksstaat“ als Demokratisierung sattsam bekannt ist, dann kommt die Ideologie der Politik an ihr Ende: die unbedingte Einheit von Bürger und Staat bekennt sich in der Idee, die Souveränität sei das Instrument der gesellschaftlichen Selbstverwirklichung und das System des Befehlens und Gehorchens wäre, nur recht auf Gemeinwohl getrimmt, die Freiheit schon selbst. – Die marxsche „Kritik der politischen Ökonomie“ dagegen tritt auf als Kritik der politischen Ökonomie, die von Anfang an die Einheit von Ökonomie und Politik, von Basis und Überbau, von Kapital und Souveränität darstellt: in der Form der Kritik. Alle Kategorien dieser Kritik sind ökonomisch und politisch zugleich. Insofern sie aus der vermittelten Identität von Ausbeutung und Herrschaft entspringen, gilt die Souveränität als nur eine, wenn auch die gegenwärtige Form der „Knechtschaft“ (Marx). Als Kritik, die dem kategorischen Imperativ folgt, die Spaltung der Gattung in die wesentliche und in die überflüssige Menschheit aufzuheben, zielt sie nicht auf die Aufhebung, sondern auf die Abschaffung von Staat und Recht.

Es spricht Joachim Bruhn (Initiative Sozialistisches Forum, Freiburg), der zuletzt (mit Jan Gerber) „Rote Armee Fiktion“ (ça ira-verlag 2007) herausgegeben hat und dessen Buch „Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation“ im Sommer bei ça ira (www.isf-freiburg.org) erscheinen wird

Im Zeichen der Krise – Von der gewaltförmigen Vergleichung zum Massenwahn

Vortrag von Martin Dornis, 20.2.2009 um 20 Uhr im Cafe Mano Negra (Alte Münze 12)

Die aktuelle Finanzkrise ließ nicht nur Politikern und Ökonomen das Blut in den Adern stocken. Der krisenhafte und von Anbeginn ideologische Charakter der kapitalistischen Gesellschaft wird offenkundig. Unter Linken wird plötzlich wieder Marx gelesen. Man hat sogar von einer »Lesebewegung« gehört. Aber mit Marx ist nicht nur kein Staat, sondern schon gar keine Bewegung zu machen.
Es geht vielmehr um eine rücksichtslose Kritik der bestehenden Verhältnisse. Vor diesem Hintergrund soll im Vortrag über grundlegende Zusammenhänge von kapitalistischer Gesellschaft, politisch-ökonomischer Krisen, Staat und ideologischer Verarbeitung diskutiert werden. Was sagt die aktuelle Finanzkrise über die kapitalistische Gesellschaft?

Martin Dornis ist freier Autor/Referent und wohnt in Leipzig.
Er versteht sich als materialistischer Gesellschaftskritiker.

Antiziganismus – Ein wesentlicher und deshalb vergessener Rassismus

Vortrag und Diskussion mit Roswitha Scholz, 30. Mai 2008

Antiziganismus ist eine Variante des Rassismus, die auch im herkömmlichen Rassismusdiskurs oftmals ausgeblendet bleibt. Dies hat seine Gründe in der Geschichte und der Struktur des Antiziganismus selbst, die mit der Entwicklung von Moderne und warenproduzierendem Patriarchat, mit ihrer Ausbildung territorialstaatlicher Verhältnisse aufs Engste verflochten sind.

Im Bild des „Zigeuners“ kommt der Kontrapunkt zum disziplinierten Lohnarbeiter zum Ausdruck. „Zigeuner“ gelten als faul, emotional, impulsiv, arbeitsscheu und unstet, sie lügen, betrügen und stehlen dem gängigen Stereotyp nach. Andererseits werden ihnen auch „musikalische Fluchten“ (Wulf D. Hund) zugeschrieben und stehen sie für ein „freies Leben“ insgesamt. „Zigeuner“ gelten als außerhalb des Gesetzes lebend, deshalb wurden sie – teilweise bis heute – mit Sondergesetzen belegt.

Im Gegensatz zu anderen Rassismen stehen sie für die Angst vor dem Absturz, vor dem „Asozial“– und Vogelfrei-Werden schlechthin im Kontext der westlichen Binnengesellschaften. Die These, die entfaltet werden soll, lautet somit, dass der „Zigeuner“ den „Homo Sacer“ (Giorgio Agamben) par excellence darstellt. Deshalb vielleicht auch die mangelnde Beschäftigung mit dem Antiziganismus bis in die Linke hinein und eine unzureichende Erinnerung an die Massenvernichtung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus.

Die Linke hat den Kapitalismus nur verschieden interpretiert…
Das „Praktisch-Werden“ als Evergreen einer verkürzten Gesellschaftskritik

Vortrag und Diskussion mit Robert Kurz, 01. Februar 2008

Nichts ist dem Feld-, Wald- und Wiesenmarxismus so geläufig wie die 11. Feuerbachthese des jungen Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“. Generationen von Polit- und Bewegungspraktikern haben daraus den Schluss gezogen, dass „Was tun“ keine Frage sei, sondern ein kategorischer Imperativ, der immer schon einen höheren Anspruch garantiere als die „abgehobene Theorie“. Klar braucht man Theorie, aber eben nur als „Anleitung zum Handeln“ für morgen früh. Ein solches Verständnis greift viel zu kurz. Kapitalismus ist selber permanente „Weltveränderung“. Und „Interpretieren“ in diesem Sinne ist keine passive Angelegenheit, sondern ein Zwang zum Handeln innerhalb der kapitalistischen Dynamik, die eine immer neue „Realinterpretation“ und „Widerspruchsbearbeitung“ verlangt. Es kommt gerade darauf an, mit dieser destruktiven Art der „Weltveränderung“ Schluss zu machen. Aus dieser Sicht kann kritische Theorie nur dann wirkmächtig werden, wenn sie sich einem instrumentellen und legitimationsideologischen Missbrauch verweigert. Kritische Theorie ist keine Gebrauchsanweisung zum unmittelbaren Handeln, sondern sie liefert eine langfristige Orientierung, deren Spannungsverhältnis zur jeweils aktuell möglichen Praxis ausgehalten werden muss.

Positive Wissenschaft als Ideologie

Vortrag und Diskussion mit Claus Peter Ortlieb aus Hamburg
Donnerstag, 11.01.2007, 19 Uhr
Lagerhalle, Rolandsmauer 26, Heger Tor
Veranstalterin: Initiative zur Förderung gesellschaftskritischer Inhalte

Der Positivismus bestimmt als erkenntnistheoretischer Mainstream das Bild der modernen Wissenschaft von sich selbst. Er beansprucht für sich die Abkehr von der Metaphysik und vermag doch bloß die ihm selbst zu Grunde liegende Metaphysik nicht zu erkennen, geschweige denn zu reflektieren, weil sie außerhalb des Blickwinkels liegt, den er selber als wissenschaftlich zulässig erachtet. Bestimmte Fragen werden als der „Kindheit der Geistesentwicklung“ (Comte) zugehörige „Scheinprobleme“ (Carnap) tabuisiert und einfach nicht mehr gestellt. Erlaubt soll einzig eine an beobachtbaren „Tatsachen“ orientierte Methodik bleiben, die angeblich den Naturwissenschaften entlehnt ist, aber nicht einmal deren Vorgehen adäquat beschreibt. Völlig aus dem Blick gerät dabei die aktive Rolle des historisch spezifischen (männlichen) Subjekts, das im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess die Tatsachen, die doch das einzige Wahrheitskriterium sein sollen, erst schafft.

Der mit ihr vermachte Mangel an Selbstreflexion ebenso wie der unreflektierte Vorrang der Methode vor dem Gegenstand macht positive Wissenschaft ideologisch. Die Folgen sind gravierend: Die selbst verordneten Scheuklappen führen in der Naturwissenschaft zum falschen oder fehlenden Bewusstsein für das eigene Handeln und dessen Voraussetzungen und Grenzen. Der Gesellschaftswissenschaft verstellen sie den kritischen Blick auf ihren eigentlichen Gegenstand, nämlich die moderne Gesellschaft als ganze.