12. Sommersemester 2010:
Eine Flanke gegen den gesunden Menschenverstand –
Zur Kritik der Vernunft
Seminar der Initiative zur Förderung gesellschaftskritischer Inhalte

Ab dem 14.4.2010 jeden Mittwoch um 20 Uhr im Cafe Mano Negra


SEMINARPLAN:

Für die ersten Sitzungen werden nach und nach Texte online gestellt, die vorbereitend zu lesen sind.
Später gibt es dann Referate, die ebenfalls an dieser Stelle angekündigt werden sollen.


14.4.2010: Platon

Textgrundlage (.pdf-Download):
Platon – Liniengleichnis
Platon – Timaios (27c1-31b)
Platon – Philebos (64b5-66d)

21.4.2010: Thomas von Aquin
Textgrundlage (.pdf-Download):
Thomas von Aquin – Ueber das Sein und das Wesen (Kapitel 1-3 und Nachwort des Uebersetzers)


28.4.2010: Condorcet

Textgrundlage (.pdf-Download):
Condorcet – Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes (Auszug)

05.5.2010: Kant
Textgrundlage (.doc-Download):
Kant – Was heisst sich im Denken orientieren?

12.5.2010: Hegel
Textgrundlage (.pdf-Download):
Hegel – Vernunft – Textausschnitte

19.5.2010: Referat zur Hegel

26.5.2010: Marx
Textgrundlage (.pdf-Download):
Marx – Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie ueberhaupt

02.6.2010: Nietzsche
Textgrundlage (.pdf-Download):
Nietzsche-Auszug

09.6.2010: Referat zum Thema: „Der nonkonformistische Intellektuelle“
Textgrundlage (.pdf-Download):
Demirovic – Auszug

16.6.2010: fällt aus

23.6.2010: Referat über feministische Kritik an Habermas
Textgrundlage (.pdf-Download):
Hiltraud Schmidt-Waldherr: \"Die \'Entbindung der Vernunft\'?\" (Auszug)

30.6.2010: Don Quijotte oder: Die Vernunft der Unvernunft

07.7.2010: Zur Kritik der unvernünftigen Vernunft, Gastvortrag von Dr. Alfred Flacke, ausnahmsweise schon um 18 Uhr (!)

11. Wintersemester 2009/2010: Wer frei sein will hat keine Wahl – Zur Kritik der Freiheit
Autonomes Seminar der Initiative zur Förderng gesellschaftskritischer Inhalte

Seminarplan Wintersemester 2009/2010

25.11.09: Dimensionen eines emanzipatorischen Freiheitsbegriffs (Anna-Sophie Schönfelder)

Aus den Diskussionen des letzten Seminars ‚Zur Kritik des Subjekts‘ geht die Frage nach der Freiheit des Subjekts hervor. In der Antike und im christlichen Mittelalter galt das Schicksal als göttlich vorbestimmt, die Freiheit bestand in der Entscheidung, unter gegebenen Möglichkeiten zu wählen. Zur Freiheit des Willens trat mit der frühen Aufklärung das Vermögen, seinen Willen zu verwirklichen, bzw. etwas hervorzubringen. Die europäischen Aufklärer beschäftigte es, ob Freiheit als reine Disposition leer ist und sich nur in Handlung äußern kann. Im 18. Jahrhundert zeichnete sich als Resultat der Befreiung des Menschen von ständischer Ordnung und allem, ‚was er nicht ist‘, ein immergleiches menschliches Grundwesen ab: ‚Der Mensch‘ als Schnittpunkt allgemeiner Gesetze. Versuchte die Romantik demgegenüber die personale Einzigkeit und das gefühlvolle Erleben stark zu machen, hob Marx hervor, dass der materialistische Zusammenhang der Menschen untereinander so alt ist wie die Menschen selbst, ursprünglich Gegebenes und dessen geschichtliche Modifikation also in untrennbarer Verzahnung erscheinen. Die universelle, alles Ständische auflösende Tendenz des Kapitals ermöglicht individuelle Freiheiten, das Wertgesetz setzt sich aber unabhängig vom Willen der Menschen als brutales Verhältnis durch. Schließlich sollen die Absage an die Willensfreiheit durch Freud und Adornos Gedanke der negativen Freiheit auseinandergesetzt, sowie elementare Bedingungen menschlicher Freiheit zur Diskussion gestellt werden.

09.12.09: Natur und Freiheit (Dominik Broermann)

Nach der agrarischen Revolution im Neolitikum entwickelten die Menschen neue Formen der Arbeitsteilung und der Organisation des Miteinanders. Diese Art der Daseinssicherung kann als zweite Natur des Menschen angesehen werden und entwickelte sich zu dem, was uns Heute als das entgegen tritt, was wir Gesellschaft nennen; jedoch nicht als Befreiung von den Ängsten der Lebenserhaltung, sondern ebenso unerbittlich wie die ursprünglich erste Natur. Demnach übernimmt die kapitalistische Gesellschaftsordnung eine quasi evolutionäre Funktion, in der alles nicht anpassungsfähige oder -willige zum aussterben verurteilt ist. Der Mensch – seinem Wesen nach natürlich-künstlich – hat die Fähigkeit, seine Umwelt zu gestalten und ist entgegen der Tier- und Pflanzenwelt prinzipiell nicht mehr dazu gezwungen, sich den Umweltbedingungen zu unterwerfen. Dies gilt nicht nur für die erste Natur, sondern besonders im gesellschaftskritischen Sinne für die zweite. Mit einer bewussten und am Menschen orientierten Gestaltung beider Naturen, gestaltet sich Freiheit.

16.12.2009: „Keine Angst für Niemand!“ – Thesen zu befreiter Subjektivität und Objektivität der Befreiung (Alexander Neupert)

Im letzten autonomen Seminar ging es um eine Kritik des Subjekts, sowohl um den Wert als gesellschaftliches Verhältnis, als „automatisches Subjekt“ (Marx), als auch um die Individuen in ihrer Subjektform. Es ist die Unterordnung unter ihre gesellschaftlichen Verhältnisse, ihre „zweite Natur“, welche Menschen zu Subjekten macht. Die objektive Wirklichkeit des Systems bleibt dabei „unerreichbar vom vernünftigen Willen sowohl der Einzelnen wie jenes gesellschaftlichen Gesamtsubjekts, das bis heute nicht verwirklicht ist“ (Adorno). Erst als freie Assoziation von Individuen, als Gesamtsubjekt ihrer Lebensverhältnisse, kann die Menschheit ihre bisher beschränkte Subjektivität verwirklichen. Verwirklichte Subjektivität hebt aber den Gegensatz von Subjekt und Objekt nicht auf. Die „erste Natur“ bleibt Objekt menschlicher Selbsterhaltung, die Gesellschaft erheischt weiterhin eine über ihre Mitglieder hinausgehende Objektivität. Die Trennung zwischen Natur, Individuum und Institution muss bestehen bleiben, wenn Befreiung nicht hinter einen bereits erreichten Grad an Freiheit zurückfallen soll. Eine Kritik der herrschenden Gewalt, welche die Trennung als Medium der Gegensätze aufrechterhält, zielt auf zu erfindende, neue Formen der Vermittlung. Die Furcht vor der „ersten Natur“ schlug in die Herrschaft um, die Angst erhält sich in den Zwängen der gesellschaftlichen „zweiten Natur“ bis heute. Vermittlungsformen jenseits von Herrschaft wären stets noch Gesellschaft und somit auch eine „dritte Natur“, eine friedbar gemachte, vernünftig eingerichtete statt zugerichtete Welt, in der das Glücksversprechen an die Subjekte nicht dem Zufall der Konkurrenz überlassen bleibt, sondern laut Fourier das Glück „die richtig konstruierte Gesellschaft wie eine Aura umgeben [wird], so wie der Charme das gar nicht ausbleibende Resultat eines gelungenen Kunstwerks ist.“

13.01.10: Freiheit und Selbstsorge

Ausgehend von Foucaults Zurückgreifen auf den antiken Freiheitsbegriff wird eine grobe Rekonstruktion der antiken Idee von Freiheit versucht. Diese gründet sich – ganz anders als in der Neuzeit – darauf niemals Sklave zu sein. Dies wird in seinem ganzen Umfang daran deutlich, dass darunter verstanden wurde kein Sklave eines Herrn wie auch seiner eigenen Gelüste und Ängste zu sein. Dies mündet nach der damaligen Logik in den Imperativ „Kümmere dich um dich selbst“.

20.01.10 und 27.01.10: Im Stande der Unfreiheit – Reflexionen zur Freiheit (Tammo Jansen)

Die Dialektik der Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft besteht darin, dass die Menschen, die von dieser Gesellschaftlichkeit beherrscht werden, zwar frei von feudalen Schranken, aber nicht frei zu individuellem, lustbetonten Handeln sind: doppelt freie, in ihrer eigenen Geschichte gefangene Subjekte. In den beiden Sitzungen soll der Begriff der Freiheit vom Beginn der bürgerlichen Gesellschaft bis zu deren Ende verfolgt werden. Warum sind Säkularisierung und Frauenbefreiung notwendige Voraussetzung für jedwede emanzipatorische Vorstellung von Freiheit und was heißt die schlechte Aufhebung der Freiheit? Abschließend versuche ich zu zeigen, dass Kommunismus und Vernichtung sich dort am nächsten sind, wo sie am weitesten voneinander entfernt sind: gerade in der Freiheit des Individuums. Aus diesem Grund plädiert der Vortrag für einen kritischen und universellen, nicht-kulturalistischen Freiheitsbegriff, dem es um die volle Emanzipation des Individuums und um dessen Glück geht.

03.02.10: Mit dem „Minimum an Freiheit“ des Individuums gegen die Barbarei des Kollektivs (Matthias Spekker)

Nach Franz L. Neumann ist die formale und negative Allgemeinheit des Gesetzes im Liberalismus von zwieschlächtigem Charakter: sie ist nicht bloß Mittel wie Voraussetzung kapitaler Herrschaft und Ausbeutung, sondern garantiert zugleich dem Individuum ein „Minimum an Freiheit“. Anstatt weiter wie der völkische Antisemit Carl Schmitt das Recht vom Kollektiv aus zu denken, bricht der durch seine Flucht aus Nazi-Deutschland ins US-Exil radikalisierte Neumann mit diesem und erkennt, dass die Freiheit des Kollektivs immer die Unfreiheit des Individuums ist. Obschon die staatliche Unterwerfung des Menschen unter die Imperative der herrschenden Verhältnisse den Keim der Barbarei bereits in sich trägt, ist die durch das Recht – wenn auch nur formal – gewährte Freiheit des Individuums gleichsam überhaupt eine Grundvoraussetzung für die Emanzipation der Menschheit und das Ende von Herrschaft und Unterdrückung.

10.2.10: Die Rolle der Herrschaft in der Bürgerlichen Gesellschaft – (Gastvortrag von Dr. Alfred Flacke)

Die kritische Untersuchung traditioneller Gesellschafts-Modelle – Hobbes (Selbsterhaltung) und Hegel (Anerkennung) – ermöglicht einen erneuerten Herrschaftsbegriff und dieser ermöglicht einen neuen Blick auf die Mechanismen einer durch Herrschaft bestimmten Gesellschaft. Neuere Ergebnisse der Evolutions- und Neurobiologie bestätigen freie, solidarische Kooperation als Gattungsmerkmal der Menschen. In zivilisierten Gesellschaften wird die Gemeinschaft durch herrschaftliche Individuation zerstört, die lebensnotwendige Kooperation also gefährdet. Paradoxerweise muss Herrschaft sie deshalb zugleich sichern. Die Bürgerliche Gesellschaft der Neuzeit ist charakterisiert durch eine universale Ausdehnung von Herrschaft auf alle Lebensbereiche, die einhergeht mit einer wachsenden Tendenz zur Teilnahme des Individuums an ihr. Die zunehmende Dominanz des Individuums wird sichtbar in neuen Formen der Herrschaft, vor allem in kapitalistischer Lohnarbeit und (Natur)Wissenschaft. Bürgerliche Individuierung geschieht mittels inszenierter, Konkurrenzkampf produzierender Selbsterhaltung und in pseudoindividualisierender Ich-Inszenierung in der Produktion/Reproduktion der Gesellschaft.
Herrschaft wirkt in der Struktur der Gesellschaft und im Wahrnehmen, Denken und Handeln der durch sie strukturierten Individuen. Sie ist das zentrale Movens des bürgerlichen Sozialisierungs- und Individuierungsprozesses. Hegel beschreibt diesen als intersubjektive Anerkennung mit Kampf und Liebe, als Selbstbehauptung und Selbsthingabe, als zugleich wirkenden Komponenten. Erkenntnisse der psychoanalytischen Theorie frühkindlicher Erziehung veranschaulichen die Hegelsche Anerkennung als herrschaftsbestimmt; sie wird von Herrschaft gesteuert, in welcher der Wille zur Macht auf einen Willen zur Ohnmacht trifft. Sie legen auch nahe, Herrschaft als Perversion eines ursprünglich solidarischen Verhaltens zu verstehen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine solidarische, herrschaftslose, Gesellschaft als denkbare Alternative, welche individuelle Freiheit mit freier Kooperation verbindet und sozialen Frieden endlich demokratisch begründen kann.

17.02.10: Genderdekonstruktion als Befreiung? – Zur Theorie Judith Butlers (Ronja Wagner)

Die Überlegungen Judith Butlers kreisen um die Verschränkungen von Subjekt und Macht, von Physischen und Diskursivem. Insbesondere der Körper steht im Zentrum ihrer Betrachtungen, den sie in Anlehnung an Foucault als normativ, als erzwungene Materialisierung eines regulativen Ideals wahrnimmt. Butlers Ausführungen polarisieren und provozieren Diskussionen u.a. über Geschlechteridentitäten und über (Post-) strukturalistische theoretische Zugänge zur Erklärung der Subjektwerdung, die weit über die Genderforschung hinausreichen. In der Sitzung sollen die Zwänge und die möglichen Freiheiten des verkörperten, vergeschlechtlichen Subjektes nach Butler herausgestellt und diskutiert werden.

24.02.10: Abschlussdiskussion

10. Sommersemester 2009: Ich ist geisteskrank – und kauf mir was! Zur Kritik des Subjekts

Seminarplan Sommersemester 2009:

11. Mai: Einführung

18./25. Mai: Es denkt – Überlegungen zum gesellschaftlichen Unbewussten

Marx reflektierte durch Hegel die Gesellschaft als einen „beständig im Prozess der Umwandlung begriffene[n] Organismus“ und kritisierte diesen als verhängnisvoll prozessierendes „automatisches Subjekt“. Diesem gesellschaftlichen Subjektbegriff steht die transzendentale Position des Erkenntnissubjekts bei Kant entgegen, die die Autonomie des Individuums begründen soll. Können wir mit Freud und psycho­analytischer Subjektkritik eine Beziehung zwischen diesen beiden Begriffen, dem Individuum und der Ge­sellschaft, aufdecken? Die in den Sitzungen zu entfaltende These lautet: Freuds Entdeckung des Unbewuss­ten verweist sowohl auf die Bedingtheit der psychischen Person als auch bereits auf die Anwesenheit der Ge­sellschaftsnatur im Subjekt.

1. Juni: Befreiung vom Subjekt/Subjekt der Befreiung – zur Philosophie von H. Marcuse

Laut Marx müssen die Individuen „den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen“, Kommunismus ist die Form des Zusammenlebens jenseits von Einzelnen und ihrem Eigentum und der noch falscheren Sehn­sucht nach dem Aufgehen des Ichs in der Volksgemeinschaft. In seinen Versuchen über die Befreiung unter­sucht auch Marcuse, wie die bürgerlichen Subjekte Individuen werden könn(t)en, deren Glücksansprüche nicht mehr der gesellschaftlich geforderten Triebunterdrückung im Sinne eindimensionalen „Fortschritts“ un­terworfen, sondern dialektisch mit ihr vermittelt wären. Dieser Spur folgt die Sitzung.

8. Juni: Subjekt und Zwang

In der Sitzung geht es erstens um die Internalisierung der auf das Subjekt wirkenden Überlebenszwänge der zweiten, gesellschaftlichen Natur, sinnbildlich ausgedrückt in der Einübung moderner Verhaltenszwänge in Benthams Panopticon. Es geht um das Begreifen dieses Zustandes als „Pathologie des Normalen“ (vgl. E. Fromm, oder Neueres bei R. Funk), kurz gesagt: Um den entfremdeten Menschen als Normalfall.

15. Juni: Die Subjektwerdung in der Vernichtung – Kollektiv als Subjekt

Die gewaltsame (Selbst-)Zurichtung der Menschen zu bürgerlichen Subjekten als notwendiges Erfordernis juridischer und wertförmiger Vergleichbarmachung ist Normal- wie krisenhafter Dauerzustand kapitalistisch-bürgerlicher Vergesellschaftung. Das Individuum, das in seinem Subjektstatus untergeht, ist ein beschädigtes, und der objektive Widerspruch, im Dasein als Rechts- und Warenmonade, obschon als solche immer wieder existenziell in Frage gestellt, sein „Ichideal“ erreichen zu müssen und es doch nicht zu können, schlägt um in die Identifikation mit dem Kollektiv, das nicht nur den letzten individuellen Rest auslöscht, sondern als Iden­tität herstellendes Subjekt Volksgemeinschaft sich in der Vernichtung all dessen konstituiert, das es als nicht identisch setzt.

22./29. Juni: Real – Revisited

In Lacans Psychoanalyse ist die Psyche der Individuen nicht nur wie Sprache strukturiert, vielmehr impliziert das „Heilen durch Sprache“ auch eine Besprechbarkeit der Psyche. Das große Andere, als das Sprache bei Lacan dargestellt wird, gestaltet die Individuen nach ihrem Spiegelbild und lässt das Subjekt zu einem Unter­worfenen gerinnen. Gerade aber das Ausscheiden, das Widersetzen gegen das große Andere weist über es hinaus, wie im Denken Sartres und einer psychoanalytischen Relektüre der Kritischen Theorie gezeigt wer­den kann.

6. Juli: Horrortrip Weiblichkeit oder das Subjekt und sein Anderes

Ziel ist die Darstellung von Freuds Weiblichkeitstheorie, ihre Kritik und Fruchtbarmachung. Er begründet das Hineinwachsen der Menschen in die Gesellschaft als Subjekte. Der Prozess der Subjektwerdung und sein Ergebnis sind unterschiedlich, je nach anatomischer Geschlechtszuordnung. Freud entlarvt die Zumutungen durch die Subjektwerdung, hinterfragt sie jedoch nicht. Es soll auseinandergesetzt werden, in welcher Ge­sellschaftsordnung diese Subjektwerdung stattfindet und warum es für eine emanzipatorische Perspektive nicht reicht, Freuds Gedanken eine von der Gleichheit der Geschlechter ausgehende Theorie entgegenzustel­len.

13. Juli: AbschlussdiskussionCH ist geisteskrank – und kauf mir was

9. Wintersemester 2008/2009: Im Rückstand, gegenüber der Moral der Geschichte.
– Zur Idee der Nation zwischen der französischen und der ausbleibenden Revolution

Im aktuellen Semester beschäftigen wir uns mit der Frage nach der Nation als Kitt zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem politischen Staat. Diese Vermittlung ist für uns eine widersprüchliche, die immer auf den Prinzipien von Einschluss und Ausschluss, auf der rechtlichen Gleichmachung ungleicher Individuen und der Gewalt des Staates beruht. Anhand ihrer Durchsetzungsgeschichte wollen wir die Idee und Wirklichkeit der Nation zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert untersuchen und anhand lokaler und historischer Erscheinungsformen ihre emanzipatorischen und antiemanzipatorischen Potentiale ausloten. Konkret beschäftigen wir uns unter anderem mit dem Nationsbegriff der französischen Revolution, dem deutschen Philosophen Herder, der Erfindung der deutschen Nation in der Romantik, 1848, dem Verhältnis von Arbeiterbewegung und Nation, der Geschichte des Zionismus, dem nationalsozialistischen Unstaat und der Notwendigkeit der Staatsgründung Israels.

8. Sommersemester 2008: L’État et moi – Von der Theorie zur Kritik des Staates

Der Anspruch materialistischer Kritik/Philosophie ist nicht geringer, als zu erklären, warum die Menschheit, statt als assoziierte Individuen in einem „Verein freier Menschen“ (Marx) bewusst ihre eigene Geschichte zu organisieren, sich unter die Herrschaft des Staates und in die Ausbeutung durch das Kapital bewegte. Was ist das für eine Gesellschaft, in der der Mensch „dem Menschen ein Wolf“ (Hobbes) und Frieden nur als Unterwerfung unter einen obersten Souverän – den Staat – vorstellbar ist? Wie ist das Verhältnis des Staates zu den Individuen, denen er als Einzelnen die „Erhaltung ihres Eigentums“ (Locke) garantieren und zugleich Ausdruck eines „allgemeinen Willens“ (Rousseau) sein soll? Was ist der Zusammenhang zwischen der modernen bürgerlichen Gesellschaft, dem „Kampfplatz des individuellen Privatinteresses Aller gegen Alle“, und ihrem Staat, der ihr gegenüber als das „sittliche Ganze“ (Hegel) erscheint? Im Hinblick auf eine kritische Theorie des Staates wollen wir uns mit den oben genannten Philosophen auseinandersetzen und ihre Überlegungen zum Staat nachvollziehen.

7. Wintersemester 2007/2008: Fronterlebnis und Emanzipation!

In der folgenden kurzen Seminar-Reihe wollen wir versuchen politische Basisbewegungen im Spannungsfeld philosophischer Grundbegriffe von Vernunft und Irrationalität zu beleuchten und so den Muff von 200 Jahren unter den eignen Talaren zu schnuppern.

6. Sommersemester 2007: 1 zu 1 ist jetzt vorbei – Geschichte zwischen Basis und Überbau

Im aktuellen Semester beschäftigen wir uns mit der Frage nach (Un-)Gleichzeitigkeiten und (Dis-)Kontinuitäten in der Entwicklung der Moderne. Die geistige und die materielle Ebene sollen als miteinander vermittelte thematisiert werden. Aus einer Kritik sowohl an einem (speziell traditionsmarxistischen) Basis-Überbau-Denken, als auch an einem generellen Fortschrittsmythos heraus, haben wir vor, das Verhältnis von Denken und Handeln, Theorie und Praxis kritisch zu beleuchten.

Der Auftakt zum diesjährigen Autoseminar wird ein Vortrag von Christian Lavagno (Philosoph aus Bremen, der in Osnabrück lehrt) zu Hegels Geschichtsphilosophie sein. Er kann als Einstieg und als Grundlage weiterer Sitzungen gesehen werden. Dieser Vortrag findet ausnahmsweise am Dienstag statt. Das reguläre Seminar ist wie gewohnt mittwochs um 14 Uhr.
Ein Strang, der sich zeitlich durch das gesamte Seminar zieht, beschäftigt sich mit (kritischer) Philosophie und (ihrer) Geschichte. Die Überlegungen werden von „Warum überhaupt Kritik“ bis hin zu „Wozu bleibt Philosophie“ reichen. Das ganze ist kritisch-methodisch konzipiert und kann so die Begleitmusik zu den anderen Themenschwerpunkten des Seminars spielen.
Inhaltlicher Ausgangspunkt soll die fundamentale Leistung Marxens sein, seit der die Wirklichkeit in die Philosophie oder eben die Philosophie zur Wirklichkeit gekommen ist. Hegels Geschichtsphilosophie aufnehmend, kritisierend und in Abstoßung zu Feuerbach entfaltet die Marxsche Philosophie ihre ganze, auch praktische, gesellschaftliche Sprengkraft als radikale Kritik und Negation.

In der Geschichte der Linken wurde diese kritische Theorie von Marx schon früh auf vorgeblich realpolitische Implikationen reduziert. Der historische Materialismus wurde als die Beschreibung eines angeblich unvermeidlichen Fortschritts zum Kommunismus begriffen. Den Höhepunkt dieser Entwicklung skizzierte die russische Oktoberrevolution vor 90 Jahren. Lenin selbst formulierte den Marxismus als Staatsideologie, welche auf die vorkapitalistischen russischen Verhältnisse zugeschnitten war, die Politik der Bolschewiki aber als Zwischenphase zum Sozialismus legitimieren sollte. Im Gegensatz dazu versuchten linkskommunistische KritikerInnen, vor allem aus Westeuropa, den kritischen Materialismus als Kern der marxschen Theorie zu bewahren und zur Erklärung der russischen Ereignisse anzuwenden. Diese Ansätze sollen in diesem Teil skizziert und diskutiert werden.

Ein weiterer Themenschwerpunkt beschäftigt sich mit den technischen, organisatorischen und finanziellen Veränderungen der Produktion innerhalb des Kapitalismus. Die Fragen nach dem Zusammenhang von gesellschaftlicher Entwicklung und Organisation der Arbeit, veränderter Marktsituation und Wertproduktion, nach den verschiedenen sog. Akkumulationsregimes und ihren krisenhaften Übergängen werden untersucht. Das Hauptaugenmerk wird auf das Zusammen- und Wechselwirken von betriebswirtschaftlicher Rationalität und stofflich-technischer wie sozialorganisatorischer Weiterentwicklung liegen. Auch hierbei wird weder blind vorausgesetzt, dass die Basis der Ökonomie Umwälzungen im gesellschaftlichen Überbau nach sich zieht, noch dass die als linear und progressiv vorgestellte Entwicklung der Produktivkräfte die neuen wirtschaftlichen Organisationsformen hervorbringen und am Ende automatisch in einen Kommunismus der Produzierenden führen wird. Trotzdem wird die Idee, dass speziell die ökonomische Dynamik sich in bestimmte Entwicklungs- und Durchsetzungsphasen einteilen lässt, nicht in Gänze verworfen, sondern versucht Kriterien für eben jene anzugeben.

Die Klammer, die das Seminar dennoch zusammen halten soll und den äußeren Diskussionsrahmen abgeben kann, ist die Frage nach Geschichtlichkeit, historischer Entwicklung. Was ist das grundsätzlich andere/neue an der Moderne? Verläuft die Geschichte innerhalb der Moderne kontinuierlich-linear, in Brüchen oder epochenweise? Was ist der genuine Zusammenhang zwischen fortschreitender Entwicklung, Krise und Überwindung der warenproduzierenden Gesellschaft? Weitere Fragen wären zu formulieren, die gestellten ggf. zu modifizieren. Überhaupt ist für uns die Intention der Abschaffung gesellschaftlichen Leids Ausgangspunkt unserer kritischen Überlegungen. Unser Anliegen ist keines, welches auf Vollendung von Geschichte, auf Handeln nach ihren von uns zu erkennenden „ewigen Gesetzen“ aus ist oder dem bloßen Ausgeliefertsein ans historische Telos sich genügt. Um Walter Benjamin zu paraphrasieren, geht es uns um nichts weniger als um das Aufbrechen des historischen Kontinuums. Denn, dass alles so weiter läuft: das ist die eigentliche Katastrophe.

5. Wintersemester 2006/2007: Der Positivismus

Daß das Mittelalter eine finstere Epoche voll Aberglauben und Vorurteilen gewesen sei, beherrscht von der unhinterfragten Autorität der Altvorderen sowohl in der Philosophie und der Theologie als auch in den Naturwissenschaften, war in Westeuropa bereits seit der Aufklärung zur unumstößlichen Gewißheit geronnen; die Ideologie des Positivismus, begründet von Auguste Comte, zog daraus die Konsequenz, daß erst in der bürgerlichen, kapitalistisch verfaßten Gesellschaft die Menschheit gewissermaßen zu ihrem Naturzustand gefunden habe. Mithilfe der mathematischen Naturwissenschaften würden die unabhängig von den Menschen existierenden Naturgesetze aufgedeckt und immer besser erkannt, und alle widernatürlichen Deformationen im Erkenntnisprozeß der Menschen würden sukzessive beseitigt, so daß in einem quasi darwinistischen Ausleseprozeß die tüchtigen Theorien die untüchtigen ausmerzten; so drückte es jedenfalls Sir Karl Raimund Popper aus, der sich noch zu der Behauptung verstieg, von der Amöbe bis Einstein habe ein immergleicher Erkenntnisfortschritt stattgefunden. Diese Leugnung jeglicher qualitativer Besonderheiten auf der theoretischen Ebene, das Verwerfen der Möglichkeit qualitativer Veränderung im sozialen Zusammenleben der Menschen durch bewußte Vereinbarung und die Verbannung jeglicher immanenter Widersprüche der warenproduzierenden Gesellschaft auf reine Oberflächenphänomene, gleichgültig wie schwerwiegend sie sind, haben Adorno davon sprechen lassen, daß dem Positivismus der kritische Stachel gezogen sei. In unserem Seminar wollen wir untersuchen, wie die Ideologie des Positivismus mit der gegenwärtigen Gesellschaft vermittelt ist; eine besondere Rolle wird die Frage spielen, welche Friktionen der Holocaust im Positivismus bewirkt hat.

4. Sommersemester 2006: Die Bewegung zum Nichts – zur deutschen Ideologie

Unter dem Titel „Die Bewegung zum Nichts“ befaßt sich das Seminar diesmal kritisch mit den Begriffen der Deutschen Ideologie und des Positivismus, welche im Folgenden kurz vorgestellt werden.
Während insbesondere in Westeuropa die Ausbildung von Nationalstaat, Bürgertum, warenförmiger Ökonomie und modernem asymmetrischem Geschlechterverhältnis bereits in der Mitte des zweiten Millenniums unserer Zeitrechnung einsetzte, verblieben die Länder des ersten deutschen Reiches bis tief ins 19. Jahrhundert hinein in ihrer feudalen und agrarischen Prägung. Dies bestimmte in entscheidender Weise die hierzulande für lange Zeit vorherrschende Ideologie. Während das bürgerlich entwickelte Westeuropa auf der Grundlage der mathematischen Naturwissenschaften jegliche kritische Reflexion über die Funktionsweise der Gesellschaft und das Zustandekommen ihrer spezifischen Formation sowie ihrer Denkform verwarf und statt dessen in der Ideologie des Positivismus alle Besonderheiten und Widersprüche innerhalb der Gesellschaft wie auch ihrer Denk- und Erkenntnisform in einer angeblich ewig gleichen, rein quantitativ stetig aufsteigenden Bewegung hin zum eigentlichen, natürlichen Sollzustand nivellierte, wollten die tonangebenden deutschen Philosophen des frühen 19. Jh. – als bekanntester von ihnen sei hier nur Johann Gottlieb Fichte genannt – der empirischen Überlegenheit Westeuropas eine angebliche sittlich-kulturelle Überlegenheit des „deutschen Wesens“ entgegensetzen. Dabei sahen sie sich allerdings der besonderen Schwierigkeit ausgesetzt, dieses angebliche deutsche Wesen überhaupt zu bestimmen, denn seit dem Nominalismus des Spätmittelalters und insbesondere seit der Reformation hatte sich jegliche ontologische Gewißheit aus dem christlich geprägten Bewußtsein verflüchtigt. In unserem Seminar wollen wir untersuchen, wie die deutschen Ideologen dieses Problem verarbeiteten; ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf der Frage liegen, wie aus dieser Konstellation die mörderische Ideologie des Antisemitismus sich herauskristallisierte.

Wintersemester 2005/2006: kein autonomes Seminar :-(

3. Sommersemester 2005: Die Hölle des Unbewussten – zur kritischen Theorie der Gesellschaft

2. Wintersemester 2004/2005: Leseseminar zum „Manifest gegen die Arbeit“ der Krisisgruppe

1. Sommersemester 2004: Leseseminar zu „Weltordnungskrieg“ von R. Kurz